Gedenkveranstaltung

jährlich am 10. November

Wir erinnern an die Verfolgung und die Pogromnacht

Stadtführung mit Claus-Dieter Brüning um 16:30 Uhr – Treffpunkt Vorplatz Bahnhof Rahden


Claus-Dieter Brüning, Stadtheimatpfleger und Mitglied des Arbeitskreises, lädt zu einem Stadtrundgang »Auf den Spuren der jüdischen Mitbürger« ein.

Diese sehr interessante und auch emotionale Stadtführung beginnt um 16:30 Uhr am Bahnhofsvorplatz – denn hier erinnert Claus-Dieter Brüning an Menschen, die von hier über Bielefeld in Vernichtungslager deportiert wurden.

 

Die Bürger jüdischen Glaubens lebten in Rahden wie alle anderen auch. Sie gingen ihren Berufen nach, kümmerten sich um ihre Familien und engagierten sich im kulturellen und politischen Leben ihres Heimatorts. Doch spätestens mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde ihnen das verwehrt, sie wurden drangsaliert und verfolgt, erschlagen, erschossen oder vergast. In den Abendstunden des 10. November 1938 wurde die Synagoge in Rahden in Brand gesetzt. Unter den Augen zahlreicher Einwohner und der Feuerwehr brannte das Gebäude bis auf die Grundmauern nieder. Während des Pogroms wurden auch Wohnungen jüdischer Familien verwüstet und geplündert, ihre Bewohner misshandelt. Und wenn sie ihr Leben retten konnten, dann verloren sie zumindest ihre Heimat. Der Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden“ erinnert jedes Jahr mit einer Gedenkveranstaltung an die Verfolgung und an die Pogromnacht und setzt damit ein Zeichen gegen das Vergessen.

 

Weiter geht es in die Bahnhofstraße, in der einige jüdische Familien gewohnt haben. Heute erinnern Stolpersteine vor den Häusern an die Familien Haas, Heine, Weidenbaum und Horwitz – Claus-Dieter Brüning weiß einige Geschichten der Familien zu erzählen.

 

In der Marktstraße wird z. B. über die Familie Julius Ginsberg berichtet. Nach dem Zwangsverkauf ihres Hauses in der Marktstraße 1941 lebten Julius, Clara und Ruth Ginsberg hier noch bis 1942. Am 31. März 1942 wurde die Familie von Bielefeld aus ins Ghetto Warschau deportiert und später ermordet.

 

Die Stadtführung führt über die Steinstraße/Ecke Lemförder Straße, wo Familie Frank gewohnt hat bis in die Lange Straße. Hier wohnten in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Synagoge die Familie Goldstein (das Haus wurde 1939 zwangsverkauft. Alle Familienmitglieder konnten rechtzeitig auswandern, so dass sie den Krieg überlebten) und Familie Vogel. Bis auf Sohn Paul Vogel wurden alle anderen Familienmitglieder nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. 


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An den Rundgang schließt sich um 18:00 Uhr eine Gedenkveranstaltung am Platz der Synagoge mit einer Gedenkrede an. Am Montag, dem 10. November 2025, hält Kai Büntemeyer die Rede.

 

Eine Anmeldung zu dieser Stadtführung und anschließender Gedenkveranstaltung ist nicht notwendig.


Emotionale und berührende Veranstaltungen der letzten Jahre

2025


Am 10. November nahmen über 30 Menschen am „Gang der Erinnerung“ teil, einer Führung zu den Spuren der ehemaligen jüdischen Mitbürger Rahdens.

Am Abend versammelten sich rund 70 Personen an der ehemaligen Synagoge, deren Standort heute durch einen Bodenrahmen markiert ist. Bürgermeister Florian Haase betonte dort die Bedeutung des Erinnerns – besonders in der heutigen Zeit. Anschließend hielt Kai Büntemeyer eine bewegende Gedenkrede.

Kai Büntemeyer am 10. Novermber 2025:


»Es gilt das gesprochene Wort." Er erinnerte daran, dass während im Rest Deutschlands die Synagogen bereits in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten, die Rahdener Sektion der Nazi-Schergen ihr zerstörerisches Werk einen Tag später nachholte – kaltblütig und organisiert, nicht ohne zuvor Akten aus dem benachbarten Rathaus in Sicherheit zu bringen. Etwa 1.400 Synagogen wurden damals im gesamten Reich zerstört, rund 30.000 jüdische Menschen in Konzentrationslager verschleppt, bis zu 2.000 starben unmittelbar oder infolge der Übergriffe. Jüdisches Leben in Würde ging spätestens an diesem Tag in Deutschland zu Ende.



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2024


Gedenken am „Platz der Synagoge“ Ansprachen: Bürgermeister Dr. Honsel und der ehemalige Rahdener Pfarrer Stefan Thünemann. Die Namen der jüdischen Bürger verlasen Cornelia Witzke und Lukas Gorka vom Gymnasium Rahden. Lesen Sie hier die Ansprache von Pfarrer Stefan Thünemann.


Pfarrer Stefan Thünemann am 10. Novermber 2024:


1992 habe ich meine Frau Stefanie Hillebrand auf einer Recherchearbeit nach Amsterdam begleitet. Im Rahmen ihrer Magisterarbeit im Fach Geschichte über das Jüdische Leben in ihrem Heimatort Levern, interviewte sie Ernst Hurwitz, einen Enkel des 1829 in Levern geborenen Nathan Hurwitz. Aus diesem Interview ist mir ein Begriff bis heute präsent: Er sprach vom „After-Dinner-Antisemitismus“ – will heißen: Morgens wurde mit den Juden Handel getrieben und abends zog man am Stammtisch über sie her. Die Juden reagierten darauf mit der Lebenseinstellung: Sei draußen ein Mensch und zu Hause ein Jude. Dies führte zu einer vordergründigen „Assimilation“ der Juden in das gesellschaftliche Leben.

 

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2023


Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister Dr. Bert Honsel hielt Pfarrerin Gisela Kortenbruck die Gedenkrede. Von Schülern des Gymnasiums Rahden wurden danach die Namen der jüdischen Mitbürger*innen verlesen, die Rahden nach 1933 infolge der Naziherrschaft unfreiwillig verlassen mussten.

2022


Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister Dr. Bert Honsel hielt Levi Israel Ufferfilge, ein ehemaliger Schüler des Gymnasiums Rahden, die Gedenkrede. Vom Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden“ wurden danach die Namen der jüdischen Mitbürger*innen verlesen, die Rahden nach 1933 infolge der Naziherrschaft unfreiwillig verlassen mussten. Das Kaddisch schloss um 18.30 Uhr die Gedenkveranstaltung ab.

2021


Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister Dr. Bert Honsel hielt Pfarrer Dr. Roland Mettenbrink die Gedenkrede. Vom Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden“ wurden danach die Namen der jüdischen Mitbürger*innen verlesen, die Rahden nach 1933 infolge der Naziherrschaft unfreiwillig verlassen mussten.


2020


Die Gedenkveranstaltung konnte coronabedingt nicht im größerem Rahmen stattfinden. Mitglieder des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Rahden“ haben im kleinsten Kreis spontan einen Stadtrundgang unternommen und an allen zehn Verlegeorten der Stolpersteine eine Rose und eine Kerze niedergelegt (siehe unten Gedenkrede von Pfr. Dr. Kreft).

2019


Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister Dr. Bert Honsel hielt Pfarrer Udo Schulte die Gedenkrede. Von Schülern der Sekundarschule  Rahden wurden danach die Namen der jüdischen Mitbürger*innen verlesen, die Rahden nach 1933 infolge der Naziherrschaft unfreiwillig verlassen mussten.

2018


SPD-Ratsmitglied und stellv. Bürgermeister Horst-Wilhelm Bruhn würdigte Werner Milstein als Initiator des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Rahden“. Der ehemalige Rahdener Pfarrer Milstein mahnte: „Wer sich nicht dem Vergangenen stellt, wird es noch einmal erleben“.

2017


Der »Platz der Synagoge« wurde feierlich eingeweiht. Bürgermeister Dr. Bert Honsel würdigte das Wirken des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Rahden“, das bis in das Jahr 2011 zurückgeht und die Initiative zu der Gestaltung dieses Platzes ergriff.

Giora Zwilling von der Jüdischen
Gemeinde in Minden hielt die Rede.

2016


Bürgermeister Dr. Bert Honsel fand deutliche, aber auch sehr nachdenklich stimmende mahnende Worte. Denn er äußerte nicht nur sein Entsetzen über die entsetzliche Taten während
der Terrorherrschaft im Dritten Reich, in der Menschen, die sich für Deutschland engagiert hätten, zuerst ihrer Rechte und schließlich auch ihres Lebens beraubt worden seien.

2015


Claus-Dieter Brüning vom Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden“ hatte zu einem Stadtrundgang eingeladen.  Monika Büntemeyer vom Arbeitskreis begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkveranstaltung. Zum Abschluss des Rundgangs wurde am Gedenkstein ein stilles Gedenken mit Gastredner Dr. Werner Kreft abgehalten.

2014


Gedenken an die Zerstörung der Synagoge in der ev. Kirche mit Ausschnitten aus "Anatevka". Schüler des Gymnasiums sangen und spielten Szenen und trugen eigene Gedanken zum Thema vor. Rede von Harry Rothe, Vors. der Jüdischen Kultusgemeinde Herford. Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister Dr. Bert Honsel hielt Rothe anschließend die Gedenkrede am Denkmal der Synagoge.


Lesen Sie hier weiter die Rede von Kai Büntemeyer zur Gedenkfeier am 10. November 2025 am Platz der Synagoge:


Gedenken an die ehemaligen, jüdischen Mitbürger der Stadt Rahden

Kai Büntemeyer


Es gilt das gesprochene Wort

Es ist bei uns in Rahden zu einem festen Termin geworden, an jedem 10. November hier auf diesem Platz zusammenzukommen. Auf diesem Platz, wo bis zum 10. November vor 87 Jahren die Rahdener Synagoge stand, der in den Boden eingelassene Rahmen bezeichnet Standort und Ausdehnung ehemaligen, kleinen Gotteshauses.

Wir erinnern an die kleine Gemeinde jüdischer Mitbürger, die es bis zu jenem Tag in dieser Stadt gab. Eine kleine Gemeinde von Menschen, die in dieser Stadt ihr Zuhause hatten. Mitbürger, die diese Stadt mitgetragen und auch erheblich mitgeprägt haben.

Seit mehr als 5 Jahren hatte man Bürger jüdischen Glaubens in Deutschland drangsaliert, Ihnen bürgerliche Rechte genommen, sie misshandelt, sich an ihrem Eigentum vergriffen, einige waren schon geflohen. Am 9. November 1938 wurde ihrem bürgerlichen Leben in Deutschland dann ein Ende gesetzt. Sehr viele von Ihnen wurden aus ihren Häusern geholt, verhaftet, etwa 30.000 in Konzentrationslager verschleppt. Bis zu 2.000 starben unmittelbar oder in Folge der Übergriffe. Viele jüdische Häuser fielen Brandstiftung und Vandalismus zum Opfer. Synagogen, Betstuben und Versammlungsräume, insgesamt etwa 1400, wurden praktisch alle zerstört. Jüdisches Leben in Würde ging spätestens an diesem Tag in Deutschland zu Ende.

Die Rahdener Sektion der braunen Randalierer und Totschläger war aus irgendwelchen Gründen am 9. November, in der eigentlichen Reichspogromnacht, untätig geblieben und musste daher ihr zerstörerisches Werk einen Tag später nachholen. Deshalb kommen wir heute hier zusammen und nicht, wie der Rest unseres Landes, schon einen Tag früher.

Die Erinnerung an die ehemaligen, jüdischen Mitbürger und das, was man ihnen angetan hat, ist für jeden Menschen, der in diesem Land lebt, eine Pflicht. Deutschland ist schon bald nach dem Ende des Krieges wieder in die Staatengemeinschaft aufgenommen worden. Die Forderung nach kollektiver Bestrafung der Deutschen kam nie wirklich auf die Tagesordnung. Die westlichen Siegermächte entschieden sich dafür, den Begriff der Schuld oder Mitschuld an den Verbrechen des Dritten Reiches relativ eng zu fassen und auf deutschem Boden ein erhebliches Maß an Kultur und Tradition fortbestehen zu lassen.



Was und heute daraus geworden ist, ist ein Land, das nach dem Wohlstandsindex der Vereinten Nationen ganz oben in der Weltrangliste liegt. Nur Deutschland verfügt als wirklich bevölkerungsreiche Nation über einen solchen Wohlstand, gemeinsam mit viel kleineren Gesellschaften wie unsere dänischen oder schweizerischen Nachbarn. Obwohl dieses Land keine natürlichen Ressourcen besitzt, eigentlich überbesiedelt ist und sehr viel schlechte Böden und unwegsames Gelände aufweist, geht es den Menschen hier sehr gut. Basis dieses Wohlstands ist nicht zuletzt ein riesiger Fundus von Wissen und Fähigkeiten, den wir geerbt und weiter gepflegt haben. Wir profitieren so von einer Kultur und von Traditionen, die eine sehr dunkle Seite haben. Das ist von der Völkergemeinschaft so akzeptiert worden, auch von Nachfahren von Opfern deutscher Verbrechen.

Und daraus leitet sich jene Pflicht ab, die alle Bürger dieses Landes haben. Die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Erinnerung an das, was hier passiert ist, niemals verloren geht. Zum Beispiel an das, was auf diesem Platz hier vor 87 Jahren passiert ist. Und diese Pflicht gilt für alle Bürger dieses Landes, ohne Gnade der späten Geburt und ebenso ohne Gnade der späteren Zuwanderung. Man kann in diesem Land nicht leben, ohne Verantwortung aus der deutschen Geschichte zu akzeptieren.


Während meiner Schulzeit lernten wir für die Verbrechen des 9. November 1938 noch das Wort „Reichskristallnacht“, als sei das ein normale, historische Bezeichnung. Das wird glücklicherweise inzwischen nicht mehr akzeptiert. Wir sollten den Begriff aber nicht in Vergessenheit geraten lassen. Da wurde gesagt, das Wort „Kristallnacht“ sei eine Verharmlosung. Und das ist es gerade nicht. Die Nazi-Propagandisten, dies das Wort einführten, wussten genau, was sie taten. Sie wussten, dass sie im deutschen Publikum auf eine ganz bestimmte Emotion setzen konnten. Auf Gehässigkeit. Ein Wort, dass sich in andere westeuropäische Sprachen nicht gut übersetzen lässt, genau wie Schadenfreude. Gehässigkeit ist wohl perfekt damit definiert, in einer Novembernacht allen jüdischen Geschäftsleuten die Scheiben einzuwerfen, sie zu misshandeln, viele von ihnen zu töten und das dann „Kristallnacht“ zu nennen.


Wenn man juristisch von Mord spricht, unterstellt man sogenannte „niedrige Beweggründe“. Die häufigsten sind vermutlich Habgier und Neid. Habgier und Neid waren auch in der Menschheitsgeschichte zumeist im Spiel, wenn Menschenmeuten gegen Einzelpersonen oder Minderheiten aufgehetzt wurden. In Nazi-Deutschland spielte bloße Gehässigkeit eine Rolle, das ist eine deutsche Besonderheit.

Am 20. Januar 1942 übermittelte Reinhard Heydrich auf der Wannsee-Konferenz den Befehl zur Ausrottung allen jüdischen Lebens in Europa an 15 Spitzenvertreter des deutschen Terrorapparates. Die Befehlsempfänger waren, das sagen historische Quellen, anschließend recht bedrückt. Sie hatten Angst, dass sie den millionenfachen Mord nicht so schnell und reibungslos wie gewünscht bewerkstelligen könnten. Tatsächlich muss das unter den Bedingungen der Kriegswirtschaft und der allgemeinen Knappheit sehr schwer durchführbar gewesen sein. Dieser Gedanke führt zum Thema der Mittäterschaft.

Man kann Menschen dazu zwingen, eine Galeere zu rudern oder Steine zu klopfen. Man kann Menschen aber nicht dazu zwingen, als Teamleistung im Bombenhagel des zweiten Weltkrieges unter Ressourcenknappheit ein energieeffizientes Hochleistungskrematorium zu konzipieren und zu bauen und pünktlich nach Osteuropa zu liefern.

Millionenfacher Mord als Gemeinschaftsleistung eines großen, hochgezüchteten Industrieapparates mit Disziplin, Kreativität und Improvisionskunst und frei von Emotionen hat es in der Menschheitsgeschichte nur einmal gegeben. Es hat nur einen Holocaust gegeben. Und deshalb gehört es zu einer angemessenen Erinnerungskultur dazu, auf Nazi-Vergleiche zu verzichten.

Wir dürfen niemals zulassen, dass in Vergessenheit gerät, was hier in diesem Land und hier in Rahden für Verbrechen begangen worden sind. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass diese Verbrechen unter verschiedenen Gesichtspunkten einzigartig sind. Verbrechen, die nirgendwo sonst in solcher Form geschehen sind. Und wir müssen erkennen, dass Leben in diesem Land bedeutet, mit diesen Verbrechen in Verbindung zu stehen.

Wir stehen hier am Standort der ehemaligen Rahdener Synagoge, auf den Tag genau 87 Jahre nachdem diese zerstört worden ist. Zerstört, nicht von einer aufgepeitschten Menge, sondern völlig kaltblütig. Nicht ohne zuvor Akten im benachbarten Rathaus in Sicherheit zu bringen. Und sicherlich mit einer triftigen Begründung für die 24-stündige Verspätung.


Die hübsche kleine Stadt, in der wir hier leben, trägt all dies in sich. Rahden würde bis heute erkennbar anders aussehen, wenn es seine jüdische Gemeinde nicht gegeben hätte. Rahden würde vermutlich auch anders aussehen, wenn es seine jüdische Gemeinde nicht zerstört und vertrieben hätte. Und die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Rahdens ist auch nach 1945 weiter von der Kultur und Tradition beeinflusst worden, zu deren Geschichte die unvergleichlichen Verbrechen des Dritten Reiches gehören. Das ist schwer zu ertragen, aber dem müssen wir ins Auge sehen.

Daraus ergibt sich unsere Pflicht, als Menschen, die hier leben, auf dem Fundament einer Kultur, die eben auch unvergleichliche Grausamkeiten hervorgebracht hat, eben genau daran zu erinnern. Es gibt noch einen anderen Blickwinkel. Wir konnten im Lauf der Jahre hier mit Nachkommen der vertriebenen, jüdischen Mitbürger sprechen. Alle haben deutlich gemacht, wie viel es Ihnen bedeutet hat, sich von der ehemaligen Heimat ihrer Vorfahren ein Bild machen zu können. Sie sahen es sehr wohl als den Ort, der die Peiniger und Mörder ihrer Ahnen hervorgebracht hat. Aber gleichzeitig eindeutig als einen Ort, in dem sie selbst Wurzeln haben. Wurzeln, die sie brauchen, ohne deren Kenntnis sie ihr Leben nicht richtig verstehen. Darin sind die Nachfahren der Opfer und die Nachfahren der Täter verbunden.


Es war unfassbar bewegend, als der Sohn eines von hier aus Rahden vertriebenen, ehemaligen jüdischen Mitbürgers nach seinem Rahden-Besuch öffentlich erklärte, er habe hier lebenslange Freunde gefunden. So groß kann das Herz eines Menschen sein.

Ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit wird in Deutschland für immer der Schlüssel für den Erhalt eines lebenswerten Gemeinwesens bleiben. Ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit ist unabdingbare Voraussetzung, um stolz sein zu dürfen auf das, was an diesem Land gut ist. Und eiserne Pflicht für alle, die hier leben, egal wie spät geboren, egal wie spät gekommen.


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Kiepe 1766 vom 25.11.2025:

Rahden gedenkt der Zerstörung der Synagoge vor 87 Jahren
Wir dürfen niemals vergessen


Mehr als 30 Menschen folgten am 10. November trotz trüben Wetters dem Aufruf von Stadtheimatpfleger Claus-Dieter Brüning zum »Gang der Erinnerung«. Die Exkursion »Auf den Spuren der jüdischen Mitbürger« begann bewusst am Rahdener Bahnhof – einem Ort, der zum Symbol für das dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte wurde.
Von hier aus wurden am 28. Juli 1942 Dagobert und Sophie Haas, die letzten beiden jüdischen Bürger Rahdens, unter polizeilicher Begleitung abtransportiert. Ihre Reise führte über Bielefeld in einem Viehwaggon ins Konzentrationslager Theresienstadt – und in den Tod. Sie teilten das Schicksal von insgesamt 20 jüdischen Bürgerinnen und Bürgern aus Rahden, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

… Um 18:00 Uhr versammelten sich Rahdener Bürgerinnen und Bürger an jenem Platz, wo bis zum 10. November 1938 die Rahdener Synagoge stand. Der in den Boden eingelassene Rahmen markiert heute Standort und Ausdehnung des ehemaligen kleinen Gotteshauses – ein stummer Zeuge einer Gemeinde jüdischer Mitbürger, die diese Stadt mitgetragen und geprägt haben.Bürgermeister Florian Haase begrüßte die inzwischen auf fast 70 Personen angewachsene Versammlung auf dem Platz der Synagoge neben dem Rathaus und machte in seinen Worten deutlich, wie wichtig diese Art der Erinnerung gerade in der heutigen Zeit ist.

Kai Büntemeyer hielt die Gedenkrede und begann mit den Worten: »Es gilt das gesprochene Wort." Er erinnerte daran, dass während im Rest Deutschlands die Synagogen bereits in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten, die Rahdener Sektion der Nazi-Schergen ihr zerstörerisches Werk einen Tag später nachholte – kaltblütig und organisiert, nicht ohne zuvor Akten aus dem benachbarten Rathaus in Sicherheit zu bringen. Etwa 1.400 Synagogen wurden damals im gesamten Reich zerstört, rund 30.000 jüdische Menschen in Konzentrationslager verschleppt, bis zu 2.000 starben unmittelbar oder infolge der Übergriffe. Jüdisches Leben in Würde ging spätestens an diesem Tag in Deutschland zu End
Die Gedenkrede machte deutlich: Die Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger und das ihnen angetane Unrecht ist Pflicht für jeden Menschen, der in diesem Land lebt. Diese Pflicht kennt weder eine Gnade der späten Geburt noch eine Gnade der späteren Zuwanderung. Wer in Deutschland lebt und von seiner Kultur und seinen Traditionen profitiert, muss auch Verantwortung aus der deutschen Geschichte akzeptieren.
Die Nazi-Propagandisten prägten bewusst das verhöhnende Wort »Kristallnacht« – ein Begriff, der auf eine zutiefst deutsche Emotion setzte: Gehässigkeit. Jüdischen Geschäftsleuten die Scheiben einzuwerfen, sie zu misshandeln, viele zu töten und dies dann »Kristallnacht« zu nennen, offenbart die zynische Grausamkeit jener Zei
Was am 20. Januar 1942 auf der Wannsee-Konferenz als Befehl zur systematischen Ausrottung allen jüdischen Lebens in Europa erteilt wurde, ist in seiner industriellen Perfektion einzigartig in der Menschheitsgeschichte. Millionenfacher Mord als Gemeinschaftsleistung eines Industrieapparates, ausgeführt mit Disziplin, Kreativität und frei von Emotionen – es hat nur einen Holocaust gegeben. Deshalb gehört zu einer angemessenen Erinnerungskultur auch der Verzicht auf Nazi-Vergleiche.
Rahden trägt diese Geschichte in sich. Die Stadt würde heute erkennbar anders aussehen, wenn es ihre jüdische Gemeinde nicht gegeben hätte – und vermutlich auch, wenn sie diese nicht zerstört und vertrieben hätte. Bewegend sind die Begegnungen mit Nachfahren der vertriebenen jüdischen Mitbürger, die Rahden als Ort sehen, der die Peiniger ihrer Ahnen hervorbrachte, aber gleichzeitig als einen Ort, in dem sie selbst Wurzeln haben. Als ein Sohn eines von hier vertriebenen jüdischen Mitbürgers nach seinem Besuch öffentlich erklärte, er habe in Rahden lebenslange Freunde gefunden, zeigte sich, wie groß das Herz eines Menschen sein kann.
Die zentrale Botschaft der Gedenkveranstaltung: Ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit bleibt in Deutschland für immer der Schlüssel für den Erhalt eines lebenswerten Gemeinwesens. Er ist unabdingbare Voraussetzung, um stolz auf das zu sein, was an diesem Land gut ist – und eiserne Pflicht für alle, die hier leben, egal wie spät geboren, egal wie spät gekommen.

Auch die Schülervertretung des Gymnasiums Rahden nahm teil. Sie betonte, dass es in Zeiten politischer Unsicherheit und demagogischer Stimmen wichtig sei, den Kurs nicht zu verlieren, sondern aus der Vergangenheit zu lernen. Das Vergessen der NS-Verbrechen füge der Gesellschaft immensen Schaden zu. Erinnerungskultur sei Ausgangspunkt für die Gestaltung der Zukunft. »In Zeiten, in denen politische Positionen auseinandergehen, wünschen wir uns Dialog. Dialog mit allen Menschen, um ein sicheres Umfeld für Demokratie und gegen Ausgrenzung zu schaffen«, so die SV. Sie appellierte mit den Worten von Margot Friedländer:

Seid Menschen.
Seid vernünftig.

»Wir wünschen uns, dass niemand vergisst, sich zu erinnern und aktiv gegen Ausgrenzung und Hass vorzugehen – damit niemand mehr aus Deutschland aufgrund von Menschenhass fliehen muss oder Opfer diskriminierender Gewalt wird.«


Das Gruppenbild oben zeigt: Lukas Gorka, Cornelia Witzke, Hussein Ghazi, Anna Verbarg, Jannes Kempf und Tiziano Redder von der Schülervertretung des Gymnasium (von links) beteiligten sich an der Gedenkveranstaltung und haben die Namen der jüdischen Bürger vorgelesen, die damlas in Rahden gewohnt haben. Stolpersteine an den Häusern erinnern an sie. Bürgermeister Florian Haase und Kai Büntemeyer hielten Ansprachen.



Lesen Sie hier weiter die Rede von Pfarrer Stefan Thünemann zur Gedenkfeier am 10. November 2024 am Platz der Synagoge:


Ich denke, Ernst oder Nathan Hurwitz wird bewusst gewesen sein, dass dieser „After-Dinner Antisemitismus“ nur ein sehr bedingtes Leben-und-Leben-lassen bedeutete. Das jähe Ende hier in Rahden fand am 31.03.1933 mit dem Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte statt … und fand seinen vorläufigen Höhepunkt heute vor 86 Jahren mit der Zerstörung der Synagoge, in der wie hier stehen.


Damit nicht genug, Wohnungen der jüdischen Familien wurden verwüstet und geplündert und deren Bewohner misshandelt. Das dies noch nicht das Ende war, davon zeugen die mittlerweile 51 Stolpersteine.


Warum erzähle ich Ihnen und Euch das noch einmal?

Die Rahdener Geschichte ist ein Beispiel, wie schnell und brutal, wie unmenschlich und grauenvoll Situationen umschlagen können.

Ich stelle mir vor, dass dies zu allerletzt die Juden, obgleich durch ihre Geschichte gewarnt, nicht verstehen konnten, wie die, mit denen sie zumindest geschäftlich gut, vielleicht sogar sehr gut, verbunden war, am Ende zu Tätern werden konnten und sei es nur durch Wegsehen.

Wie brüchig ein System sogar ein freundschaftliches, ein familiäres oder zumindest nachbarschaftliches, sein kann, sehen wir bis heute, wenn Vorurteile in Hass und Rassismus umschlagen.

 

Und heute: Wie viele unserer Mitmenschen mit Migrationshintergrund bringen ihren Kindern auch bei: Sei draußen ein Mensch und zu Hause ein Moslem, ein Kurde, ein Russe, ein tief gläubiger Christ, ein schwuler Mann oder eine lesbische Frau … ergänzen Sie selbst, was Sie gern zur Privatsache erklären möchten, damit Sie nicht anecken oder gar angefeindet werden.

Wo liegen die Gründe, dass wir so schnell über andere urteilen und sie nicht selten verurteilen. Selbst ich kann mich nicht davon freisprechen: Wenn ich wollte, könnte ich alle Stammtische der Welt befeuern – aus meiner Welt der jugendlichen Straftäter.

 

Was ich hervorheben möchte ist, wir bewegen uns auf sehr dünnem Eis. Ob das Eis dünner ist als in den 80er, 90er oder 2000er Jahren will ich nicht beurteilen. Fest steht: Im Umgang mit anderen, im Alltag, an Stammtischen, in launigen Runden, mit lockeren Sprüchen am Arbeitsplatz, bewegen wir uns auf diesem dünnen Eis, das uns alle gerade noch trägt, bevor auch wir genauso wieder in diesen Rassismus versinken, wie die Menschen, die johlend dort drüben den brennenden Flammen der Synagoge zugejubelt haben.

 

Also, ob wir wollen oder nicht, auch wir sind da oder dort Teil des After-Dinner-Rassismus, wenn wir glauben, das kann uns nicht passieren.

 

Am Ende ist die Wahrheit ganz einfach und uralt: Wehret den Anfängen. – hat schon Ovid gesagt.

 

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit 

 


Stilles Gedenken an jüdische Bürger

10.11.2020


Auch wenn die Gedenkveranstaltung am Platz der Synagoge in diesem Jahr coronabedingt nicht in größerem Rahmen stattfinden konnte, haben Mitglieder des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Rahden“ gestern im kleinsten Kreis spontan einen Stadtrundgang unternommen und an allen zehn Verlegeorten der Stolpersteine eine Rose und eine Kerze niedergelegt. Interessant war, dass mehrere vorbeifahrende Autofahrer anhielten, um sich nach dem Sinn dieser Aktion zu erkundigen. Gerne erteilten die Arbeitskreismitglieder Auskunft. Solche Gespräche bestätigen, dass die Stolpersteine notwendig und sinnvoll sind.

 

Herr Dr. Werner Kreft stellte dem Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden" vor seine Gedenkrede zur Verfügung, die er sonst am 10. November auf dem Platz der Synagoge gehalten hätte, die wir hier in Auszügen wiedergeben.

 

Er schrieb:

 

„Aus gutem Grund wird jährlich am 10. November auf dem Platz der Synagoge der Reichspogromnacht 1938 gedacht, in der die Synagoge niedergebrannt wurde, die jüdischen Mitbürger/innen gedemütigt und schikaniert wurden und deren Häuser demoliert wurden. ( Gedacht wird der Shoa mit den 6 Millionen getöteter Frauen, Männer und Kinder.) Bei dem täglich wahrnehmbaren Antisemitismus sollte dies für die Gegenwart in Erinnerung gerufen werden.

 

Antisemitismus gab es schon Jahrzehnte vor den Nazis mit Unterstellungen und Benachteiligungen. Aber ebenso gab es ein bürgerliches Miteinander, gelebt in guter Nachbarschaft und Freundschaft im Rahdener Vereinsleben."

 

Dieser 10. November vor 82 Jahren war der Beginn des Terrors gegen deutsche Bürger jüdischen Glaubens, die hier wohnten, die hier lebten, hier in unserer Stadt. Mitten unter uns! Sie wurden gedemütigt, verfolgt oder ermordet, nur weil sie einen anderen Glauben hatten.

 

Die bekannteste Verschwörungstheorie war die der sogenannten Weisen von Zion, wonach das Judentum die Weltherrschaft anstrebe. Der zaristische Geheimdienst hatte dieses Pamphlet verfasst, um die Pogrome im Zarenreich zu rechtfertigen. Schon kurze Zeit später wies die englische Presse die tatsächliche Urheberschaft nach. Kein Grund für die Nazipropaganda noch Jahrzehnte später von der angeblichen Weltherrschaft der Juden zu faseln.

 

Heute erleben wir wieder Hetze, Verleumdungen, Verschwörungstheorien und Gewalt gegen unsere jüdischen Mitbürger. Unsere Verpflichtung aus der Vergangenheit und Ziel unseres Denkens und Handelns muss sein: Jede Synagoge muss so sicher und offen sein wie unsere Kirchen. Eine Kippa und den Davidsstern zu tragen muss so selbstverständlich sein, wie eine Mütze oder ein Kreuz. Wir sind verpflichtet gegen Antisemitismus argumentativ Stellung zu beziehen und unsere staatlichen Organe anzuhalten, Meinungsfreiheit und Hetze nicht zu verwechseln, sondern zu sanktionieren und nicht auf „Bewährung" zu dulden.

Lassen Sie uns als Christen, denen die hebräische Bibel zum Kanon gehört, für unsere geistlich älteren Geschwister und als Deutsche mit oder ohne religiöse Bindung „Schutzengel" sein für die jüdischen Mitbürger in unserem Land."